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Eine Zeitung aus Qingdao, ein 114 Jahre alter Zeitzeuge

Eine Kooperationsvereinbarung zwischen der Stadt Freiburg und dem Innenbezirk Shinan der Stadt Qingdao ist Ende Oktober offiziell unterzeichnet worden. Dafür reiste eine siebenköpfige Delegation aus Shinan an, angeführt von dem Bürgermeister, Herrn Hua Yusong.

Das trifft sich sehr gut, da wir diesmal über eine besondere Zeitung sprechen möchten. Diese stammt aus dem Militärarchiv in Freiburg und trägt den Titel „Deutsch-asiatische Warte, amtlicher Anzeiger des Kiautschau-Gebietes“, Nummer 1, Tsingtao, und – herausgegeben am 21. November 1898, also fast auf die Tage genau vor 114 Jahren.

Kiautschau – Gebiet, auf Chinesisch Jiaozhou Bucht, gehört zur Provinz Shandong. In dieser Bucht thront die schöne Hafenstadt Qingdao, die damalige deutsche Kolonie.

In einem Rahmen prangt ein stolzer Satz: „Wo der deutsche Aar seine Fänge in ein Land geschlagen hat, das Land ist deutsch und wird deutsch bleiben.“ – OK, einem heutigen Deutschen würde es wahrscheinlich die Schamesröte ins Gesicht treiben, doch ich als Chinesin schmunzele nur. Die Autoren konnten nicht wissen, dass sie Qingdao bereits nach 16 Jahren an die Japaner verlieren würden.

Und da sie an die Unvergänglichkeit der einmal entstandenen Realität glaubten, brachten sie gleich den Titelbeitrag „Die Einweihung des Diederichssteines“. Hier handelt es sich um die Errichtung eines Denkmals für den Admiral von Diederich, der genau ein Jahr zuvor – am 14. November 1897 – mit seinen Truppen Tsingtao eroberte und danach der Qing-Dynastie erfolgreich den Pachtvertrag der Bucht aufzwang.

Abgesehen von dem fauligen Odem des Imperialismus hält sie mir als Zeitzeuge dennoch einige erfreuliche Entdeckungen bereit. Insbesondere der Beitrag „Die Lage in Peking“ datiert am 5. November, der von dem Staatsstreich am 21. September sprach und einen ausführlichen Lagebericht lieferte.

Blättern wir in dem Geschichtsbuch, so wissen wir, dass ein Umbruch im Jahr 1898 in China stattfand. Vorhergegangen waren zwei Opiumkriege, eine Seeschlacht gegen Japan, wobei China immer der Besiegte war. Schmerzvoll musste China seine Rückständigkeit eingestehen, die ausländischen Barbaren ins Land lassen, diesen Privilegien einräumen, und nicht zuletzt viel Geld als Kriegsentschädigung bezahlen. Das Reich steckte in einer nie dagewesenen Krise. So riefen die ersten intellektuellen Beamten, unterstützt von dem Kaiser Guang Xu, zur Erneuerung und Reform des Staates auf, darunter Kang Youwei, Liang Qichao, Wenig Tonghe, Tan Sitong…

Na, welcher Chinese kennt diese Hundert-Tage-Reform nicht? Diese wird so genannt, weil sie nur hundert Tage überlebte. Die mächtige Kaiserin-Witwe schlug zu, stellte Kaiser Guang Xu unter Hausarrest und ließ die reformwilligen Beamten inhaftieren, verbannen oder hinrichten. Den Bericht zu lesen, ist so, als würde man zur Rückseite des Mondes gehen.

Interessant und amüsant sind auch die Inserate: frisch eingetroffenes Bier und Mineralwasser aus der Heimat, Hotel- und Gastronomieangebote, die ersten Speditionen – und Industriekaufleute, die sich im Fernosten niederließen. Last but not least die unübersehbaren Heiratsanzeigen der Kaufleute, die in der deutschen Heimat nach einer guten Partie suchten, am besten mit Vermögen.

Damals kam wohl kaum einem germanischen jungen Mann in den Sinn, dass die Chinesinnen mit ihren schwarzen Haaren und braunen Augen ebenbürtige oder gar heiratsfähige Mitglieder des weiblichen Geschlechts seien.

Halten wir uns die Vergangenheit wie einen Spiegel vor die Augen, so blicken wir auf den Weg zurück, den die Menschheit gemeinsam gegangen ist, manchmal sogar freiwillig.

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