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Sinologiekurse in China im Trend

In China wird die traditionelle Sinologie als GuoXue genannt, Die Lehre des Landes. Eine Zeitlang wurde sie als rückständig belächelt, von der westlichen Kultur verdrängt und geriet ziemlich in Vergessenheit.
In den letzten Jahren wurde der Ruf nach der eigenen Kultur immer lauter; mit dem steigenden Selbstbewusstsein der Chinesen wächst auch die Nachfrage nach den Guoxue-Kursen. Dem Trend entsprechend schießen überall die GuoXue-Kursangebote wie Pilze aus dem Boden, oft tragen sie einen schön klingenden Titel und verlangen eine hohe Kursgebühr.

Eine renommierte Universität in Nanjing bietet über zehn GuoXue-Kurse an, u. a. einen sogenannten „die Guoxue-Weisheiten und zukünftigen Führungspersönlichkeiten“. Der Kursinhalt enthält die konfuzianischen Werke wie „Gespräche“, „Regel der Schüler“ und „Tsing über die Pietät“, auch sollten die Schüler lernen, morgens laut zu lesen, Rhetorik zu üben bzw. das Gelernte zusammenzufassen. Für das viertägige Programm blättern die Interessenten 4800 RMB hin, plus eine Anmeldungsgebühr von 200 RMB.
Das Geld wäre zweitrangig, wenn die Teilnehmer tatsächlich den Geist der chinesischen Kultur gelehrt bekämen. Die Realität sieht jedoch anders aus: beim näheren Hinschauen kommt man nicht umhin, hinter vielen Angeboten ein dickes Fragezeichen zu setzen.
Sucht man im chinesischen Internet nach „I-King-Guoxue-Kurs“, so strömen Angebote zahlreicher „Senior-Weiterbildungskurse“, „Klassische Kurse“ auf den Bildschirm, die ziemlich alle auch Feng Shui, Namensgebung nach I-King sowie Tabu-Punkte für diejenigen, die dem diesjährigen Tierzeichen nach dem chinesischen Horoskop gehören.
Ma Weidu, Gelehrter, Direktor des GuanFu Museums, meinte dazu: es herrschte jetzt in China ein Chaos, da die Qualität der Kurse völlig unkontrolliert ist, viele nutzen die Flagge von Guoxue aus, um Profit daraus zu schlagen. In der Tat ist es unmöglich, das Guoxue nach diesen paar Stunden zu verstehen. Wir Chinesen haben uns der eigenen Kultur zu sehr entfernt. Dieser Andrang für GuoXue ist im Grund genommen genauso falsch wie die Phase, als wir alle dem Guoxue wie historischem Abfall voller Verachtung begegneten.
Und Herr Ma regte sich darüber auf, dass die vielen Kurse, einschließlich solche von den Unis oder Hochschulen mit einem wohlklingenden Abschlusstitel, alle nur das eine Ziel im Auge hatten, nämlich das Geld. Die Bildung ist zum Geldmachen-Instrument verkommen – traurig.

 

Lin Jun
Deutschsprachige Schriftstellerin
Redakteurin, Sprecherin Radioprogramm "Fenster zum Drachen"

www.lin-jun.de

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