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Moyans Geburtshaus sollte Touristenattraktion werden

Lokale Regierung legt Konzept vor

Mo Yan, der chinesische Schriftsteller, stammt aus einem armen Dorf in der Provinz Shandong. Dort steht auch sein Geburtshaus, ein karger Lehmbau mit fünf Räumen, eng, staubig und vollgestopft mit obsoleten Gegenständen, so ärmlich wie alle anderen umstehenden Hütten.

Plötzlich hat sich die Situation geändert. Seit der Bekanntgabe, dass Mo Yan den diesjährigen Literaturnobelpreis bekommt, säumen rote Laternen die Dorfstraßen, die Brücke, die zum Dorfeingang führt,  wird neu lackiert, die Inschriften sorgfältig vergoldet. Eine Reihe blauer Schilder weisen den Touristen den Weg zu Mo Yans Geburtshaus.

„Mein Geschäft läuft sogar besser als beim Frühlingsfest, täglich fahre ich Touristen zu Mo Yans Geburtshaus“, freut sich ein Taxifahrer. Es ist zur Touristenattraktion geworden.

Da Mo Yan in einem der ersten Romane über die kristallenen Rettiche schrieb, sind die Bäume und Rettiche rundum das Haus in die Mitleidenschaft gezogen, werden von den Touristen gnadenlos ausgerottet und mitgenommen, sogar das Gras im Hof bleibt nicht davon verschont. Die Touristen zupfen die Baumblätter ab und beten dabei: „Möge meinem Sohn das Talent von Mo Yan zuteilwerden, möge er es auf die Beijing Universität schaffen!“

Der Bruder von Mo Yan sagte dazu: „Mir ist es peinlich, die Leute davon abzuhalten, weil sie sich sonst das Maul über uns zerreißen.“ Nach seiner Schätzung kommen jetzt täglich ungefähr 200 Touristen zum Geburtshaus von Mo Yan.

Die lokale Regierung hat ein Konzept über den Umbau des Geburtshauses vorgelegt, 500‘000 Yuan möchte man dafür investieren. Herr Guan, Mo Yans neunzigjähriger Vater, weigerte sich bei einem Interview: „Mo Yan kommt aus dem Kornfeld, hat es durch sehr harte Arbeit geschafft. Schon letztes Jahr haben wir einen Umbau abgelehnt, auch dieses Jahr möchten wir es nicht! Das ist uns zu viel Schmeichelei, wir möchten nur eine einfache Renovierung durchführen.“

Man hat ausgerechnet: die Summe von 500‘000 Yuan würde in dem Dorf für eine alleinstehende Villa ausreichen, und wundert sich, welche Umbaumaßnahmen diese Investition rechtfertigen könnten. Geht es dabei nicht um die Authentizität, um das Bewahren der Geschichte Mo Yans?
Mo Yan stammt nun mal aus einer armen Bauernfamilie, warum sollte es beschönigt werden?
So ein luxuriöses Haus würde das alte Geburtshaus gründlich entwerten.

Noch etwas: der Lehmbau gehört jetzt der Familie Guan; falls die Regierung dieses Projekt durchzieht, wie steht es dann um die Eigentumsrechte? Heißt es, die Regierung schenkt der Familie Guan das Geld für den Umbau? Oder hat die Regierung vor, sich das Haus anzueignen? Da dieses nun einen kulturellen Wert erhalten hat, ist der Regierung wohl gut beraten, sich genau zu überlegen, was sie damit erreichen möchte.

Die Regierung sieht ein zusätzliches Tourismusprojekt namens „Zehntausend Mu Kornfelder“
(bezieht sich auf Mo Yans anderen Roman „Das rote Kornfeld“) vor, bietet die brandneue Mo Yan-Route an.

Der Literaturnobelpreisträger ist bereits zur goldenen Gans geworden.

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