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Mae Salong, das chinesische Dorf in Thailand

Mae Salong, im Winter bin ich dort. Allein hingereist statt „all inclusive“. Weil ich dachte, das ist es der Mühe wert. Als Chinesin möchte ich mir das Dorf ansehen.

美斯乐,so nennen die Chinesen ihre Heimat, die sich dort angesiedelt haben. Wie schön hier, wie glücklich! Erinnert mich an Konfuzius. „Ich möchte im Spätfrühling, wenn wir die leichteren Frühlingskleider tragen, mit fünf oder sechs erwachsenen Freunden und ein paar Knaben im Flusse baden und im heiligen Hain des Lufthauchs Kühlung genießen. Dann würden wir ein Lied zusammen singen und heimwärts ziehen.“

Im Pickup-Taxi hoch, höher, Spiralen drehen und uns doch dabei erhöhen. Fantastische Landschaft breitet sich aus wie eine antike Schriftrolle: tiefe Täler und grüne Wälder, Reisfelder, sanft legen sich die Berge zueinander. Magen verdreht sich, Sonne prallt auf den Rücken, das wenig Leiden für das Ziel. Eine Pietät, ja, Pietät für die verlorenen Landsleute, ein vergessene Geschichte, ein erstarrtes Land, ein verwirrtes Volk, das wieder einmal aus allen Fugen geriet und daraufhin unter einer seligen Ideologie in eine Schablone gepresst wurde.

Holz und Betonhäuser, rote Doppelschriften und Lampions, alte Leute, die vor der Tür auf dem Hocker sitzen und uns beim Vorbeisauen anstarren, eine einzige Zickzack-Straße schlängelt sich hinauf zu einem weißen Tempel. Vor dem SevenEleven-Laden steigen wir aus.

Blanke Enttäuschung, nichts deutet auf eine Sehenswürdigkeit hin, außer dass ich mich in der Abgelegenheit eines Bergdorfes befinde. Und wo ist das Museum, das die Entstehung dieser Geschichte aufbewahrt? Ich frage auf Chinesisch, bekomme chinesische Antwort. Ach, es gibt kein Museum, nur einen Ausstellungsraum. Da vorne, geradeaus laufen. Was Leckeres zu essen? Richtig chinesisch? Sehen Sie da unten das zweigeschossige Haus mit roten Dächern? Da gibt es die beste Nudelsuppe, Yunnan Stil, wir essen alle gern dort.

Das besagte Haus mit einer offenen Eingangshalle, sechs große viereckige Holztische, die Tischplatte hat den langen Prozess des Abblätterns bereits zur Hälfte hinter sich, strahlt jetzt eine Wärme aus, da sie mich an die Schule erinnert. Rechts am offenen Fenster hantieren zwei junge Frauen an einer langen Arbeitsplatte, übersät mit Mehl, Plastiktüten mit unterschiedlichen Nudeln und Kochftöpfen. „Zwei Nudelsuppe, welche Nudel?“ zeigt die jüngere auf die Tüten, „alles von uns selbst gemacht. Magst du diese, diese oder diese?“ Sie spricht perfekt Chinesisch mit einem leichten exotischen Akzent. Ein hübsches Mädchen, trägt High Heels zu Jeans und einem kurzärmeligen T-Shirt, stelzt flink zwischen Kochen und Kneten. Die Andere streut die ausgewählte Nudel ins kochende Wasser.

Am Tisch sitzend, auf die ersehnte Nudel wartend, die beiden schlanken Körper beobachtend, läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Bei der Aussicht nach einem köstlichen, authentisch chinesischen Essen neigt der Chinese wohl zur Melancholie und Sehnsucht nach der Heimat.

Die Suppe ist nicht köstlich. Sie ist kostbar, halte ich in den Händen wie eine Schale voller zerbrechlicher Schätze. Sie schmeckt nach Heimat, nach einem Leben, das ich gern leben möchte. Während ich esse, schlendert ein älterer Mann aus der Tür, die zur hinteren Wohnung führt. Ein Südchinese, kleingewachsen, stattlich, hält sich gerade in seiner Würde, schlurft jedoch in Hausschuhen. Er setzt sich an einen freien Tisch, nimmt sich die Fernbedienung und schaltet den Fernseher ein. Ich schiele auf den Bildschirm.

Chinesisches Programm. Der erste Sender ist der Yunnan Satellit TV – klar, sie alle stammen aus der südwestlichsten Provinz. Kaum erhasche ich das Bild von der laufenden Sendung, drückt er sie weg. Es handelt sich um einen Fernsehfilm über den Bürgerkrieg – als ich zur Schule ging, nannten wir ihn den Befreiungskrieg, bei dem der KP-Kader gerade den Vernichtungsplan gegen die Kuomintang-Armee schmiedet. Der Mann bleibt bei der nächsten Sendung mit einem bedeutungslosen Film.

Ich schaue weg und atme aus. Die jungen Frauen erzählen, sie fühlen sich gut hier, sie sind alle aus der Yunnan Provinz, ja. Und jedes Jahr kommen viele Touristen wegen den wunderbar blühenden Kirschbäumen; nur dieses Jahr ist es zu warm gewesen, es gibt keine Kirschblüten.

Das westliche Glück scheint mir wie glitzerndes, schwebendes Goldpulver, auf der Zehenspitze stehend müsste man danach greifen; und bei uns Chinesen? Oft geht es nicht um das Glück oder das Glücklich-Sein; wir suchen nach der Bestätigung für eine Gefühlsregung, die bereits dagewesen und von den Vorfahren raffiniert definiert worden war und ordnen sie sonderbaren Momente zu. Diese Bestätigung, diese Zugehörigkeit gleicht dem Glück.

Nein, ich spreche nicht vom Glück, sie auch nicht. Wir sind ein Volk der Extenzialisten.

Hintergrund:

Im Jahr 1949 verlor Chiang Kaishi den Bürgerkrieg gegen die KP, flüchtete nach Taiwan. Der Rest der Division 93 seiner Truppe, stationiert in der südwestlichen Provinz Yunnan, floh über Myanmar nach Mae Salong, ein paar Tausend Soldaten waren sie, geführt von dem General Duan Xiwen. Hier bauten sie das Dorf auf, bis die thailändische Regierung sie in den Sechzigern einbürgern ließ.

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