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Gedanken über den Vortrag „36 Strategeme“ von Prof. Senger

Ein Stelldichein mit altchinesischer Weisheit - Ein paar Gedanken über den Vortrag „36 Strategeme“ von Prof. Senger

Vor einigen Tagen, als Xi, der chinesische Staatspräsident, in Europa weilte, sprach er den EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy an, dass Europa etwas chinesischer Weisheit gut tun würde. Jeder Chinese, der diese Sätze liest, würde schmunzeln und sich etwas dabei denken.

Es fügte sich, dass Herr Professor von Senger, ein bedeutender Sinologe, am 2. April nach Freiburg kam und uns über die 36 Strategeme, die von allen Chinesen als ein Kulturgut, eine Identität betrachtet werden, aufklärte.

Die westlichen Sinologen zeichnen sich dadurch aus, dass sie allen Themen mit einer erfrischenden, alles durchdringenden Energie nachgehen; wie ein weißes Blatt fegen sie über die Startlinie und möchten alles erforschen und ergründen, aus der Unvoreingenommenheit drängen sie viel tiefer in die Schatztruhe der chinesischen Sprache ein –  wovon wir Chinesen nicht einmal träumen können. So wird der Weg zu einem Spezialisten in einem ausgewählten Gebiet geebnet, während die Chinesen oft dazu neigen, ein universaler Gelehrter werden zu wollen, und vieles nicht mehr hinterfragen.

Der Fleiß trägt Früchte. Professor von Senger stellte die These über die chinesische Yin-Weisheit als den Gegenpol zur Yang-Weisheit dar. Für ihn ein stolzes Lebenswerk, ein Glied in der Kette seiner zahlreichen Vorträge; für mich, die gebürtige Chinesin, ein fremder und zugleich vertrauter Abend, wie ein Stelldichein mit einem früheren Geliebten.

Dass das chinesische Wort für die "Yin-Weisheit" oder "Yin – Moulüe" ( 阴谋, Yin Mou) mittlerweile der deutschen Übersetzung "Verschwörungstheorien" vollkommen entspricht, ist zum großen Teil auf uns Chinesen selbst zurückzuführen. Um auf Herrn Xis Äußerung zurückzukommen: das heutige China bedürfe ebenfalls etwas von der europäischen Yang-Weisheit, erst dann können wir über eine Art richtiger "Harmonie" sprechen – denn Laotse* definierte sie als "das Gleichgewicht der Yin und Yang – Energien".

*: Laotse: Gründer des Taoismus bzw. der Yin-Yang-Theorie.

Verfasserin: LIN Jun, Freiburg

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